Die Summe aller Realitäten

 

Wir alle fragen uns von Zeit zu Zeit: „Was wäre passiert, wenn ich damals im August die U-Bahn noch bekommen oder  mich bei der Berufswahl anders entschieden hätte? Was, wenn ich damals links statt rechts abgebogen wäre?“ All das kann keiner wissen; wir hängen quasi in unserer Realität fest. Deshalb an dieser Stelle mal eine beruhigende Idee: Was wäre, wenn diese eine Realität nur eine von unendlich vielen wäre? Dass wir uns einfach nur gerade zufällig in Realität #6409 befinden?

Mal angenommen, wir haben wir uns seinerzeit beim Job anders entschieden – wir sind damals doch links abgebogen. Alles was dann passiert ist, sind die Realitäten #6703 beziehungsweise #8612. Das hört sich jetzt zuerst einmal völlig blöd an. Was real ist und was nicht, wissen wir schließlich ganz genau. Die U-Bahn ist uns damals vor der Nase weggefahren und dadurch haben wir diese nette Touristin kennen gelernt. Das selbe nette Mädchen, das gerade die Milch für unsere gemeinsame Tochter auf den Herd stellt. Ja ja so war das damals. Gut, das ist die Realität wie wir sie erleben und erlebt haben und es ist die einzige, die wir kennen.

Oft fragen wir uns: Was, wenn es anders gekommen wäre? Mal eine andere Frage: Wer weiß, ob es nicht tatsächlich anders gekommen ist?

Wer den Film „Lola rennt“ gesehen hat, kann es sich vielleicht vorstellen. Dieser Film greift genau dieses Thema auf. Die Story: Die Protagonistin hat nur sehr wenig Zeit, um ihrem Freund, der sie eben völlig verzweifelt angerufen hat, eine Menge Geld zu besorgen. Lola rennt los, versucht es erfolglos und der Freund stirbt. Dann geht die Geschichte wieder von vorn los und Lola rennt wieder los; hat eine andere Idee, einen anderen Plan. Immer wieder trifft sie auf die selben Leute, immer wieder rennt sie die selben Treppenstufen hinunter, manchmal prallt sie auf eine blonde Passantin, manchmal nicht – aber die Passantin ist immer dabei. Das sind eben die verschiedenen Realitäten. Jede Aktion, jeder Zufall beeinflusst die weitere Handlung. Wie im richtigen Leben. Der Zuschauer kann hinterher nicht sagen welche Version die „reale“ sein sollte und welche Fiktion. Gut, es ist so oder so ein Film, also ist überhaupt nichts real, aber alle Versionen wären möglich und werden einfach nur filmisch hintereinander gesetzt. Manche enden gut, manche nicht.

Wie sieht das nun aber in unserer Realität aus? Frage: Warum sollte es nur diese eine Version geben die wir kennen? Neale Donald Walsch hat in seinem Buch „Gespräche mit Gott“ die Theorie aufgestellt, dass uns Gott erschaffen hat, um sich selbst zu erfahren. Eben weil er Gott ist, und somit alles ist, kann er nicht nicht alles sein. Um aber zu wissen wie es ist, zu leben und eben nicht Gott zu sein, erschuf er (oder sie oder es) uns. Das ist vielleicht eine sehr knappe Zusammenfassung der Walschen Theorie, aber nehmen wir diesen Gedanken mal als Grundlage: Mal angenommen, es ist wertvoll für die Welt, für Gott, für uns, für wen oder was auch immer, uns selbst und alle Eventualitäten zu erleben. Alle Möglichkeiten zu erfahren. Wäre es dann nicht sinnvoll, alle Möglichkeiten real werden zu lassen? Ohne zu sehr in Theorien über parallele Welten und parallele Dimensionen einzutauchen, es spricht zumindest erst mal nichts dagegen – möglich wäre es. Wer Terry Pratchet kennt, kennt die Theorie von der „Hose der Zeit“. Diese humorvolle Art das Thema zu betrachten, hat aber wahrscheinlich die gleiche Theorie zur Basis: Ereignis A hat Ereignis B zur Folge. Verändert sich nun aber Ereignis A, ist eben Ereignis C statt B das Ergebnis. Für denjenigen, der sich in Realität C bewegt, wird es so und so das einzige sein, das jemals stattfand. Genau so verhält es sich mit den Kollegen der B-Fraktion. Die kennen keine andere Realität und brauchen auch keine. Diese Hose hat nun aber unendlich viele Beine, denn in jeder Sekunde werden die Weichen für die Zukunft neu gestellt – auch ohne jetzt mit Schmetterlingen und Taifunen anzufangen.

Das gern genutzte Gegenargument

Die verschiedenen Konstellationen, die wechselseitigen Einflüsse und die sich daraus ergebenden möglichen Realitäten, wachsen natürlich sofort in den unzählbaren Bereich. Allein die Wechselwirkungen unseres eigenen Lebens mit der großen Zahl an anderen Menschen – die wir auf die eine oder andere Art beeinflusst haben und sie uns – ist ja schon unzählbar. Nimmt man jetzt alle Wechselwirkungen zusammen und geht dann noch davon aus dass alle Möglichkeiten stattgefunden haben, wäre das eine unfassbar große Zahl an Realitäten die sich sekündlich potentiert. Soweit das Gegenargument. Die Antwort darauf: „Na und“? Mit großen Zahlen wird im Universum nun mal generell gern hantiert. Weißt du wie viel Sternlein stehen?

Alles um uns herum ist unzählbar. Fraktal, chaotisch, unbegreiflich. Wie viele Winkel hat eine Wolke? Wie viele Sandkörner hat die Wüste? Allein das berühmte Beispiel mit dem Schachbrett und den Reiskörnern sollte uns zeigen, dass Größenordnungen generell sehr schnell unser begrenztes Fassungsvermögen übersteigen. (Man lege ein Reiskorn auf das erste Feld eines Schachbretts, zwei auf das nächste, vier auf das übernächste und so weiter. Auf dem letzten „Feld“ lägen mehrere Güterzüge prallvoll mit Reis – gute 18.44 Trillionen Körner). Die schiere Zahl ist also kein Argument. Noch ein Beispiel: Welche Wege nehmen Wassermoleküle, wenn das Wasser kocht? Wie beeinflussen sich diese Moleküle untereinander? Wassermoleküle werden sich niemals zweimal hintereinander exakt gleich verhalten. Sie werden bei Erwärmung immer schneller schwingen bis ihnen dann bei ziemlich genau 100 Grad der Platz zu eng wird und sie das Behältnis verlassen. Aber nie wird exakt dasselbe passieren. Friert man sie ein, werden sie ein Gitter bilden, das aber ebenfalls niemals exakt gleich aussehen wird. Auch wenn man alle Wassermoleküle in einem Glas exakt beobachten könnte und sie Millionen Mal einfriert und zum kochen bringt, Millionen Male werden völlig andere Dinge passieren. Lediglich das grobe Ergebnis der Molekularbewegung ist immer das selbe. Eis, Wasser, Dampf und wieder zurück. Das Eis selbst, das Wasser an sich und der exakte Dampf werden aber immer unterschiedlich sein. Und jedes Mal unbestritten real.

Übertragen auf die Konsequenzen die sich daraus ergeben, macht es Mut, wenn es darum geht, „das Richtige“ zu tun. Wer das Pech hat, dauernd in der Angst zu leben „das Falsche“ zu tun, kann beruhigt sein. In irgendeiner der Realitäten wird schon das Richtige dabei gewesen sein. Spaß beiseite, es kann gar keine „falsche“ oder „richtige“ Entscheidung oder einen „falschen“ oder „richtigen“ Weg geben. Alle Versionen sind einfach „wahr“. Alle sind real. Begreifbar für uns ist natürlich nur diese eine Version, in der wir uns gerade befinden und die wir als real begreifen. Die Konsequenzen unserer realen Handlungen werden wir in jedem Fall als real erleben – In dieser und in allen daraus folgernden Realitäten. Aber all unsere Zwillinge, Brüder, Kollegen, wie man es auch immer sehen will, erleben eben ihre eigenen Realitäten und kennen jeweils auch nur diese eine. Vielleicht sitzen jetzt gerade Trilliarden von Menschen, die genau so aussehen wie ich oder du vor Computerbildschirmen und tippen oder lesen diesen oder einen ähnlichen Text – mit einem Buchstaben Unterschied, mit einem Wort, einem Satz… Weitere Trilliarden sind schon lange tot und wieder andere liegen gerade an irgendeinem Strand und trinken viel zu süße Cocktails mit lächerlichen Schirmchen.

Irgendwann kann man dieses ganze Geflecht vielleicht sogar überblicken. Aber bestimmt nicht hier und jetzt in Realität #6409. Interessant wäre es aber allemal, mal über den Zaun zu schaun und mit der Nachbar-Realität ein paar Takte über verpasste oder nicht verpasste U-Bahnen auszutauschen.

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